"Zur Apfelernte ins Obervinschgau nach Südtirol" ...
Reisebericht von Frank Wolter, Teilnehmer der Blindenwanderung im Matschertal
... so lautete das Motto einer sechstägigen Wanderfreizeit für blinde und sehbehinderte sowie sehende Teilnehmer in Südtirol. Eine Woche voller sportlicher Betätigung in fast unberührter Natur, begleitet von einigen kulturellen Veranstaltungen und vielen Begegnungen mit anderen Menschen.
Am Sonntag, dem 10. Oktober 2004, machten sich aus den verschiedensten Regionen Deutschlands insgesamt acht blinde und sehbehinderte Wanderfreunde mit dem Zug auf den Weg nach Landeck im Südwesten Österreichs. Wer Hilfe bei der Anreise benötigte, wurde hierbei von der Organisatorin dieser Reise, Susanne Hahn aus Bamberg, die sich seit kurzem auf die Konzeption und Durchführung von Individualreisen für Menschen mit Behinderungen spezialisiert hat, gegebenenfalls unterstützt. In Landeck angekommen, wurden wir von Herbert Anacker vom Landessportbund Hessen, welcher die Trägerschaft der Reise übernommen hatte, sowie einigen sehenden Reiseteilnehmern begrüßt. Von dort aus ging es dann in zwei Kleinbussen über den Reschenpass, vorbei am Reschensee, nach Südtirol und hinauf ins Matschertal bis auf rund 1.604 Meter zum Tumpaschinhof, einem ehemaligen Mädcheninternat, welcher als Selbstversorgerhaus in gemütlicher alpenländischer Hüttenatmosphäre Platz für rund 30 Gäste bietet. Da sich der Tumpaschinhof etwa drei Kilometer vom nächsten kleinen Dorf in freier Natur befindet, konnten wir unsere Tageswanderungen zumeist bequem direkt von dort aus starten. Je ein sehender und ein blinder Teilnehmer krakselten dann durchs Tal, wobei es mitunter bis zur Schneefallgrenze auf etwa 2.500 Meter hinaufging. Die Wege waren stets sorgfältig ausgewählt und für halbwegs sportliche Menschen gut begehbar, wobei jedoch eine gewisse Trittsicherheit und angemessenes Schuhwerk vorausgesetzt wurden. An den ersten Tagen sind wir zwar infolge leichten Regens etwas klamm und kalt geworden, im Tumpaschinhof erwartete uns dann jedoch stets ein wohlig prasselndes Kaminfeuer und manchmal sogar heißer Kaffee und frische Eierpfannkuchen. Diese heimelige Atmosphäre wurde dabei durch die von Susanne Hahn vorgelesenen Apfelmärchen noch sehr angenehm umrahmt.
Um nun aber nicht nur unsere Beinmuskeln zu trainieren, sondern auch unseren Geist zu erfrischen und zu erfreuen, standen auch einige kulturelle Begegnungen mit Land und Leuten, wie etwa der Besuch eines Marktes mit zahlreichen landestypischen Spezialitäten, auf dem Programm. Zunächst gab es jedoch einen Besuch auf der Churburg, wo wir von einem jungen und überaus engagierten Führer begrüßt wurden. Dieser hatte reichlich Zeit für uns und öffnete auch manchen - ansonsten verschlossenen - Schrank für uns; angefasst werden durfte ohnehin fast alles. Ein wirkliches Erlebnis bei dem wir zum Schluß auch noch kurz vom Schloßherrn, dem Grafen Trapp, welcher auch heute noch einen Teil der Burg zeitweilig bewohnt, persönlich begrüßt wurden. Nach einem Besuch im Benediktinerkloster Marienberg in Mals, welches insbesondere durch die Ausstrahlung unseres Führers ebenfalls zu einem eindrucksvollen Erlebnis wurde, folgte dann am vorletzten Tag unserer Wanderwoche noch ein Aufenthalt auf einem Biohof in Schlanders mit großen Apfelplantagen. Auch dieser Besuch war sehr anschaulich und informativ. So ging es nach einer Kutschfahrt durch die Apfelplantagen hinunter in den historischen Keller des Hauses, wo wir mit verschiedenen Spezialitäten des Hofes und des Landes freundlich bewirtet wurden. Da all diese Dinge vorzüglich schmeckten und zudem auch käuflich erworben werden konnten, hatte der ein oder andere von uns auf der Heimreise dann ein wenig mehr zu tragen als bei der Anreise. Höhepunkt der kulturellen Angebote war nach einhelliger Meinung aller Teilnehmer jedoch der Besuch von acht einheimischen Bäuerinnen im Tumpaschinhof, welche uns mit der alten Handwerkstradition des Filzens vertraut machten. Aus gekämmter Schafwolle stellen diese Frauen lediglich unter Einsatz von Wasser und Schmierseife die verschiedensten Dinge wie etwa Hüte, Kappen oder auch Hausschuhe her. Diese Gegenstände konnten aber nicht nur befühlt und bestaunt werden, sondern jeder von uns konnte sich mit tatkräftiger Unterstützung einer Bauersfrau auch selbst einmal beim Filzen versuchen, wobei so manches Mitbringsel für daheim entstanden ist. Bei südtiroler Wein und vielen kleinen Leckereien haben wir dann noch einige Stunden beisammen gesessen und Vieles über das nicht immer sehr einfache Leben in diesem abgelegenen Tal erfahren. Und am letzten Morgen wurden wir dann sogar noch von dem ersten Schnee in diesem Herbst begrüßt.
Am Ende waren sich dann alle Teilnehmer einig, es war eine ganz besondere Woche mit zahlreichen Anregungen für Körper und Geist, bei der auch die eine oder andere neue Freundschaft geknüpft worden ist, so daß im nächsten Jahr einige von uns dann auch sicher wieder dabei sein werden.
Frank Wolter (blinder Teilnehmer)

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